Warum Fachwissen allein im Arbeitsalltag nicht reicht
Fachlich richtig gut zu sein, ist wichtig. In vielen Unternehmen ist genau das auch der Grund, warum Menschen mehr Verantwortung übernehmen oder irgendwann zur Führungskraft werden. Sie kennen ihren Bereich, verfügen über enormes Fachwissen, sind verlässlich und haben über Jahre gezeigt, was sie können. Der nächste Schritt auf der Karriereleiter scheint damit oft ganz selbstverständlich: die Führung eines Teams.
Doch genau an diesem Punkt verändert sich die Aufgabe grundlegend. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, selbst gute Arbeit zu leisten. Es geht darum, andere Menschen zu führen, Orientierung zu geben, Verantwortung abzugeben, Feedback zu geben, unterschiedliche Persönlichkeiten zusammenzubringen und auch schwierige Gespräche zu führen. Fachwissen bleibt wichtig – aber es reicht für diese neue Rolle nicht aus. Denn soziale und kommunikative Kompetenzen entstehen nicht automatisch dadurch, dass jemand fachlich hervorragend ist oder schon viele Jahre Berufserfahrung mitbringt.
Führen will gelernt sein
Eigentlich klingt es selbstverständlich: Wer eine neue Aufgabe übernimmt, muss lernen, wie diese Aufgabe funktioniert. Bei Führung scheint diese Logik manchmal außer Kraft gesetzt zu sein. Eine fachlich ausgezeichnete Mitarbeiterin oder ein fachlich ausgezeichneter Mitarbeiter wird zur Führungskraft – und soll ab diesem Zeitpunkt auch Menschen führen können.
Doch die Fähigkeiten, die jemanden fachlich erfolgreich gemacht haben, sind nicht automatisch jene, die in einer Führungsrolle gebraucht werden. Wer bisher gewohnt war, Probleme selbst zu lösen, muss lernen, nicht bei jeder Frage sofort die Antwort zu geben. Wer für die eigene Leistung verantwortlich war, trägt plötzlich Verantwortung dafür, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen andere gute Arbeit leisten können. Und wer bisher hauptsächlich über fachliche Themen kommuniziert hat, muss nun Feedback geben, Erwartungen klären, Konflikte ansprechen, Entscheidungen erklären und manchmal auch Gespräche führen, die unangenehm sind.
Gerade darin liegt eine der großen Herausforderungen von Führung: Die eigene Fachkompetenz bleibt wichtig, aber die Aufgabe verschiebt sich. Nicht mehr selbst überall die beste Lösung zu haben, sondern andere Menschen dabei zu unterstützen, gute Lösungen zu finden, wird zu einem wesentlichen Teil der neuen Rolle.
Das braucht Zeit, Reflexion und Übung. Führung entwickelt sich nicht durch einen neuen Titel auf der Visitenkarte. Und auch nicht dadurch, dass jemand möglichst viele Führungsmodelle kennt. Entscheidend ist, das eigene Verhalten immer wieder zu hinterfragen: Wie klar kommuniziere ich? Wie gehe ich mit Fehlern um? Gebe ich Verantwortung tatsächlich ab – oder greife ich ein, sobald etwas anders gemacht wird, als ich es selbst machen würde? Spreche ich Konflikte rechtzeitig an? Und wissen meine Mitarbeitenden eigentlich, was ich von ihnen erwarte?
Weiterbildung kann dafür einen Raum schaffen, den es im täglichen Arbeitsalltag oft nicht gibt: innehalten, das eigene Verhalten reflektieren, andere Perspektiven kennenlernen, Dinge ausprobieren und anschließend bewusst anders handeln.
Weiterbildung endet nicht mit der Ausbildung
Entwicklung betrifft aber nicht nur Führungskräfte. Und genau hier sehen wir noch viel Potenzial.
Es gibt Mitarbeitende, die seit vielen Jahren hervorragende Arbeit leisten und über einen enormen Erfahrungsschatz verfügen – aber seit ihrer Ausbildung oder den letzten fachlichen Schulungen kaum mehr Weiterbildung besucht haben. Das ist zunächst gar kein Problem. Erfahrung, Routine und Fachwissen sind wertvoll. Schwierig wird es erst dann, wenn aus Routine Stillstand wird.
Denn während wir unseren Beruf ausüben, verändert sich rund um uns unglaublich viel. Neue Technologien entstehen, KI verändert Aufgaben und Prozesse, Kund*innen erwarten andere Formen der Kommunikation und Informationen sind innerhalb weniger Sekunden verfügbar. Gleichzeitig verändern sich Teams, Arbeitsweisen und Anforderungen. Manche Tätigkeiten, die vor wenigen Jahren selbstverständlich zum Arbeitsalltag gehört haben, werden heute automatisiert. Dafür entstehen Aufgaben, bei denen Kommunikation, Problemlösung, Eigenverantwortung und der Umgang mit neuen Werkzeugen wichtiger werden.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob jemand vor zehn oder zwanzig Jahren eine gute Ausbildung gemacht hat. Die spannendere Frage lautet: Was brauche ich heute, um meinen Beruf auch morgen noch gut ausüben zu können?
Das bedeutet nicht, jedem neuen Trend hinterherzulaufen. Und es bedeutet schon gar nicht, ständig das Gefühl haben zu müssen, nicht genug zu können. Weiterbildung sollte nicht aus Angst entstehen, irgendwann nicht mehr mithalten zu können. Im besten Fall entsteht sie aus Neugier und aus dem Wunsch, die eigene Arbeit weiterhin gut und vielleicht sogar leichter machen zu können.
Genau darin liegt für uns ein wichtiger Unterschied.
Wer sich beispielsweise mit KI beschäftigt, muss nicht zum KI-Profi werden. Vielleicht entdeckt man aber eine Möglichkeit, eine wiederkehrende Aufgabe schneller zu erledigen. Wer ein Kommunikationstraining besucht, muss danach nicht jedes Gespräch perfekt führen. Vielleicht erkennt man aber früher, warum ein Gespräch gerade in die falsche Richtung läuft. Und wer sich mit Selbstmanagement beschäftigt, bekommt nicht plötzlich mehr Stunden am Tag – kann aber lernen, bewusster zu entscheiden, was wirklich Priorität hat.
Weiterbildung muss deshalb nicht immer groß sein. Manchmal reicht ein neuer Gedanke, eine Methode oder eine andere Perspektive, die im richtigen Moment einen Unterschied macht.
Wenn nur eine Seite sich entwickelt, wird es schwierig
Unternehmen investieren seit vielen Jahren in Führungskräfteentwicklung – und das ist wichtig. Gleichzeitig lohnt sich der Blick auf das gesamte Unternehmen. Denn was passiert, wenn Führungskräfte lernen, Verantwortung abzugeben, Mitarbeitende aber nie darin unterstützt wurden, Verantwortung zu übernehmen? Was passiert, wenn Führungskräfte ihre Kommunikation verändern sollen, während Mitarbeitende keine Möglichkeit bekommen, ihre eigene Gesprächs- und Konfliktkompetenz weiterzuentwickeln?
Gute Zusammenarbeit ist keine Einbahnstraße.
Führungskräfte schaffen Rahmenbedingungen, geben Orientierung und tragen besondere Verantwortung. Gleichzeitig gestalten Mitarbeitende jeden Tag mit, wie Zusammenarbeit tatsächlich funktioniert. Sie führen Kundengespräche, stimmen sich mit Kolleg*innen ab, lösen Probleme, treffen Entscheidungen und reagieren auf Veränderungen. Deshalb brauchen auch sie Möglichkeiten, ihre persönlichen und sozialen Kompetenzen weiterzuentwickeln.
Und vielleicht sollten wir Weiterbildung überhaupt weniger als etwas betrachten, das erst dann notwendig wird, wenn irgendwo ein Problem entstanden ist.
Ein Kommunikationstraining muss nicht erst stattfinden, wenn ein Team nicht mehr miteinander spricht. Führungskräfteentwicklung muss nicht erst beginnen, wenn die ersten Konflikte eskalieren. Und Mitarbeitende müssen nicht erst dann neue Kompetenzen aufbauen, wenn eine Veränderung unmittelbar vor der Tür steht.
Weiterbildung kann auch bedeuten, sich auf Veränderungen vorzubereiten, bevor sie zum Problem werden.
Entwicklung braucht eine Kultur, in der Lernen normal ist
Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Aufgaben für Unternehmen: Lernen nicht als Ausnahme zu betrachten.
Weiterbildung sollte weder Belohnung noch Reparaturmaßnahme sein. Sie darf ein selbstverständlicher Teil des Berufslebens werden – für Menschen, die gerade erst starten, genauso wie für jene, die seit zwanzig Jahren ihren Beruf ausüben. Für Mitarbeitende ebenso wie für Führungskräfte.
Dazu gehört allerdings auch, Weiterbildung nicht nur anzubieten, sondern ihr einen Wert zu geben. Wenn jemand aus einem Seminar zurückkommt und im Arbeitsalltag weder Zeit noch Möglichkeit hat, etwas davon auszuprobieren, bleibt selbst das beste Training irgendwann Theorie. Entwicklung entsteht dort, wo neue Impulse auf einen Alltag treffen, in dem Veränderung auch tatsächlich möglich ist.
Genau aus diesem Grund haben wir unser offenes Trainingsprogramm bei JULIUS! erweitert. Neben unseren Angeboten für Führungskräfte gibt es mittlerweile auch offene Trainings speziell für Mitarbeitende. Dabei geht es um Themen, die im täglichen Arbeitsleben gebraucht werden – von Kommunikation und Selbstmanagement über Kundenkontakt bis hin zum sinnvollen Einsatz von KI.
Denn am Ende geht es bei Weiterbildung für uns nicht darum, möglichst viele Seminare besucht oder Zertifikate gesammelt zu haben. Es geht auch nicht darum, ständig noch besser, schneller oder effizienter werden zu müssen.
Es geht darum, neugierig zu bleiben, die eigenen Fähigkeiten nicht als abgeschlossen zu betrachten und sich immer wieder die Möglichkeit zu geben, etwas dazuzulernen.
Fachwissen bringt uns weit. Die Bereitschaft weiterzulernen sorgt dafür, dass wir nicht stehen bleiben.